Feiertage

Ein leichtes bis mittelschweres Sodbrennen lässt mich am 1. Weihnachtstag ziemlich früh erwachen. Ich bin noch nie ein Langschläfer gewesen und nach dem üppigen Weihnachtsessen, war die Nacht ohnehin eine Qual. Außer dem Sodbrennen, dem entsetzlichen Knoblauch-Weingeschmack im Mund, quält mich der Ärger über mich selbst, mal wieder vollkommen maßlos und ohne Verstand gefressen zu haben. Ein hervorragend eingelegtes, edles Stück Rostbeef, ließ mich alle Vorsätze über Bord werfen, nicht zuzunehmen und beim Essen etwas vernünftig zu sein. Ich weiß auch nicht, ist es die Langeweile, ist es ein instinktives Verlangen des Körpers, oder ist es eine ganz schlimme Sucht, die einen immer wieder zur Plätzchenschüssel treibt, die einen dazu zwingt, immer und immer wieder zuzugreifen und trotz schon fortgeschrittener Übelkeit die nächsten 10 oder 20 “Spretzgebackene” oder “Oosgestochene” einzufahren?
Auf dem Küchenschrank liegt schon eine Großpackung “Talcid”. Ein hervorragendes Magentherapheutikum, mit dem man den gebeutelten Magen im Handumdrehen wieder fit für die nächste Schlemmerorgie bekommt. Vor 50 Jahren noch, freuten sich die Leute schon Wochen vorher auf die weihnachtlichen Gaumenfreuden. Dann gab´s Fleisch auf den Tisch und man konnte essen bis zum Herzstillstand. Doch im Gegensatz zu heute, aß man nur an Sonn – und Feiertagen etwas üppiger. Gewichtsprobleme spielten in der Zeit noch eine absolut untergeordnete Rolle. Dies sieht jetzt leider etwas anders aus. Eine Unzahl von Fitnessprogrammen, Diäten und Ernährungsphilosophien zeigen doch, dass ein grosser Teil der Bevölkerung, mich inbegriffen, einen permanenten Kampf gegen den “Panz” führt.
Ähnlich ist es mit dem Fernsehen. In meiner Kindheit und Jugend, sendeten die 3 zur Verfügung stehenden Sender an den Weihnachtsfeiertagen einige ganz charakteristische Jugend und Abenteuerfilme, auf die man sich schon lange freute und an denen sich die ganze Familie erfreuen konnte. Ich denke da an: Die Schatzinsel, Jim Knopf der Lokomotivführer, ganz wichtig: Der Lederstrumpf mit Helmut Lange, der Seewolf, Tom Sawyer und Huckleberry Finn und andere starke Sachen, die bis heute unvergessen sind.
Es gab doch nichts Schöneres, als durchfroren von der Schlittenbahn nach Hause zu kommen, sich unter eine warme Decke auf die Couch zu legen und sich dann plätzchenessend den Lederstrumpf reinzuziehen.
Heute bringen die Privatsender um diese Sendezeit das “Kettensägenmassaker” oder irgendwelche Teenager – Horrorstreifen, in denen der Highschool – Ripper im Sekundentakt pubertierende, pickelige Teenies ausbeint.
Unterbrochen von bis zu fünf halbstündigen Werbeblocks, in denen der Joghurt mit der Ecke und die extra schmale,aber trotzdem sehr saugfähige Camelia einen vergessenlassen, bei welchem Film man eigendlich war.
Da meine beiden Töchter zu Silvester bei Freundinnen eingeladen waren, verbrachte ich den Jahreswechsel mit meiner Frau alleine zu Hause. Leider muß Silvester im Hause Weller immer jemand anwesend sein, da einer meiner Hunde das mitternächtliche Feuerwerk nicht so ganz wegsteckt. Schon bei den ersten Chinaböllern und Heulern, die in der Nachbarschaft abgefeuert werden, dreht er vollkommen am Rad und wir müssen ihm den ganzen Silvesterabend die Pfote halten und beruhigend auf ihn einsprechen, dass er uns nicht plem-plem wird. Lediglich Punkt Zwölf überlassen wir ihn kurz sich selbst, um aufs neue Jahr anzustossen. In der Zeit kriecht er jaulend unter den Christbaum und bedeckt sich ängstlich mit Weihnachtsgeschenken. Es ist eine ganz schöne Arbeit ihn wieder unter dem Baum hervorzulocken!
Natürlich läuft am Silvesterabend auch die geliebte Rappelkiste. Doch was da so geboten wird, geht auf keine Kuhhaut! Ich bekam vom vielen Zappen einen Daumen wie ein Blutsteinschleifer! ( Edelsteinverarbeitender, mit besonders starkem Daumen). Das Gewaltigste, das geboten wurde, war ein Zusammenschnitt vom besten verschiedener Talksendungen. Da wurde einem am letzten Tag des Jahres klargemacht, wie weit es mit der Menschheit gekommen ist.
In der Talkrunde von Arabella konnte man eine übergewichtige, zahnlose, an allen möglichen Körperstellen gepiercte Analphabetin bewundern, die einen anderen, schon ziemlich angesoffenen Talkkandidaten beschuldigte, der Vater ihres Kindes zu sein. Dieser stritt die Vaterschaft mit dem Vokabular, dass ihm die Gosse mit auf den Weg gab, vehement ab. Die fehlende vordere Zahnreihe und der Alkohol machten ihm erhebliche Schwierigkeiten beim Sprechen. Arabella mußte dem Publikum und den Fernsehzuschauern sehr oft erklären, was der Kandidat sagen wollte. Ihre Erfahrung mit vielen tausend Talkgästen dieses IQ´s und dieses sozialen Standes halfen ihr natürlich sehr dabei. Da er zur Zeit der Empfängnis unter einer sehr schmerzhaften Geschlechtskrankheit( Gonorröe) litt, könne er unmöglich als Vater in Betracht kommen. Er könne aber auf der Stelle 8 andere in Frage kommende Personen nennen, die zu der Zeit eine geschlechtliche Beziehung zu dieser Dame hatten. Als diese seine Statements hörte, regte sie sich fürchterlich auf, nannte den Kandidaten eine doofe Sau und sie wüsste ja wohl noch mit wem sie gepimpert hätte. Als das Publikum “gepimpert” hörte, applaudierte es wie doll und trampelte beifallsbekundend mit den Füssen auf dem Boden. Dann rief man eine der Personen auf, die von unserem Kanditaten als eventueller Vater in Frage zu kommen angegeben wurde. Unter dem Johlen des Publikums betrat ein junger Mann das Studio und verkündete:”Ich bin der Rüdi!” ( Abk.für Rüdiger). Er hatte die typische Frisur: oben kurz, hinten sehr lang und trug ein ziemlich knappes Bodyshirt, damit man seine zahlreichen Tatoos und seine gepiercte Brustwarze bewundern konnte.
Sofort ergriff er das Wort und erklärte Kandidat 1, er solle keine Scheiße reden, sonst würde er ihm die Fresse einschlagen. Arabella erklärte ihm, das ginge jetzt zu weit und wenn er sich nicht benähme, müsse er das Studio verlassen. Ich hatte mittlerweile genug gesehen und setzte mich zum Hund unter den Christbaum und deckte mich mit Geschenken zu……….

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